»Unsere Netze sind gefährlich stabil«

Juni 2021 | Handelsblatt | Zukunft Energie

»Unsere Netze sind gefährlich stabil«

Die BentoNet GmbH aus Baden-Baden versteht sich als die erste ganzheitliche Digitalisierungs- plattform und ermöglicht eine schnelle und sichere Energiewende.

Manuel Gernsbeck, Geschäftsführer, BentoNet GmbH
BentoNet / Beitrag

Herr Gernsbeck, welche Herausforderungen gelten für die Zukunft der Energie?
Aus meiner Sicht: Nicht nur Visionen zu entwickeln, sondern zuerst auch Fundamente zu schaffen. Alle reden von der Energiewende. Aber zu wenige machen sich Gedanken darüber, auf welcher Basis uns das gelingt. Und damit meine ich die digitale Infrastruktur. Nur mit einem verlässlichen Unterbau, mit einer Netzwerkinfrastruktur, die den steigenden Anforderungen gewachsen ist, und nur mit der intelligenten Nutzung der Daten, die uns das Stromnetz liefert, gelingt die Energiewende. Diese Punkte sehe ich als die zentrale Herausforderung, wenn wir über die Zukunft der Energie sprechen. Dabei geht es nicht nur um Deutschland. Die Energiewende ist ein europäisches Projekt, das gilt gerade auch für die digitalen Netze. Wir diskutieren zum Beispiel visionäre Projekte wie etwa Photovoltaikanlagen in Nordafrika. Wenig gesprochen wird darüber, wie wir die Ortsnetzstation vor der Haustüre digitalisieren.

 

Können Sie Ihre Gedanken zur Infrastruktur erläutern?
Wir haben es in Deutschland mittlerweile mit mehreren Millionen Erzeugeranlagen zu tun – vom Großkraftwerk bis zur privaten Photovoltaikanlage, Tendenz steigend. Alle von ihnen, zum Beispiel Wind- oder Photovoltaikanlagen, unterliegen Schwankungen in der Erzeugung, sind also volatil. Wir sehen zudem immer mehr individuelle, volatile Verbraucher, zum Beispiel Ladesäulen für E-Autos. In diesem von Volatilität geprägten Netz die Stromversorgung zu sichern, ist eine hochkomplexe Aufgabe. Sie müssen genau wissen, wo gerade Strom erzeugt wird und wo gerade Strom gebraucht wird und ihn bis zum einzelnen Verbraucher verteilen. In der Branche spricht man von „Redispatch“, also der ständigen, verbrauchsgerechten Umverteilung von Strom. Schon allein dies zeigt, wie entscheidend die Netze und die Verarbeitung von Produktions- und Verbrauchsdaten sind. Wenn die Infrastruktur nicht steht, fällt irgendwann der Strom aus. Vielen Beteiligten in der Politik, aber auch in Wirtschaft und Öffentlichkeit, fehlt aber meines Erachtens das Bewusstsein dafür, wie kritisch die digitale Infrastruktur für ein Gelingen der Energiewende ist.

 

Wo sehen Sie die Gründe für die fehlende Aufmerksamkeit für die kritische Infrastruktur?
Gegenfrage: Wann haben Sie zum letzten Mal einen großflächigen und längeren Stromausfall erlebt? Bislang funktionieren die Verteilnetze noch. Ich denke aber, unsere Netze sind gefährlich stabil. Wir haben uns an eine sichere Stromversorgung gewöhnt und vergessen den Blick in die Zukunft. Im Grunde wissen wir zwar alle um drohende Versor-gungslücken, verdrängen das aber. Das ist so, als ob Sie durch die vermeintliche Sicherheit eines Airbags in Ihrem Auto die Gefahren des Straßenverkehrs unterschätzen. Wie blind wir uns auf die digitale Infrastruktur verlassen, hat vor Kurzem ein Vorfall in den USA gezeigt: Dort wurde die Netzinfrastruktur eines Pipelinebetreibers gehackt, der daraufhin seine Lieferungen einstellen musste. So etwas passiert, wenn man die eigene Infrastruktur zu schlecht kennt und sie nicht schützt. Diese Einstellung kann uns auch in Deutschland gefährlich werden.

 

Bieten Künstliche Intelligenz (KI) oder die Blockchain eine sichere Infrastruktur?
Im Grundsatz: ja. Aber auch hier ist es so, dass wir quasi schon am Dachgeschoss arbeiten, während das Fundament noch nicht fertig ist. Die Diskussion ist zu sehr auf die Zukunft fokussiert. Künstliche Intelligenz und andere digitale Anwendungen können bei der Auswertung und Verarbeitung von Daten aus der Infrastruktur durchaus sinnvoll zum Einsatz kommen. Sie können zum Beispiel die Verteilung in regionalen Leitstellen unterstützen oder ersetzen. Das Thema wird kommen, steckt aber noch in den Kinderschuhen. Denn auch hier ist die Frage, wie die Daten zu den entsprechenden Anwendungen kommen: Dazu benötigen Sie eine verlässliche Infrastruktur! Auch die Blockchain, verstanden als Technologie zur fälschungssicheren Buchung und Verteilung von Strom direkt zwischen Erzeugern und Verbrauchern, kann in einer komplexen und volatilen Energielandschaft von Vorteil sein. Dazu müssen aber alle Akteure bereit sein, mitzuwirken. So etwas aufzubauen, braucht Zeit, wir sind einfach noch nicht so weit. Und um es noch einmal zu betonen: Auch für die Blockchain brauchen wir eine funktionierende, digitale Infrastruktur.
 

Wo steht BentoNet mit seinem Angebot?
Praktisch gesehen bietet BentoNet  ein Angebot für alle am Ener-giemarkt Beteiligten, die ein sicheres Fundament für den digitalen Ausbau ihrer Infrastruktur suchen. An der Energiewende Beteiligte wie Netzbetreiber, Anlagenbauer und Softwareentwickler brauchen sich keine eigene Infrastruktur aufbauen – sie nutzen unsere und sparen so Zeit und Kosten für die Entwicklung eigener hochverfügbarer Systeme für die kritische Infrastruktur. Anwendungen, die auf unserer hybriden Cloudplattform laufen, ermöglichen zum Beispiel einem Stadtwerk, seinen Kunden individuelle Verbrauchsmuster zurückzuspiegeln und ihnen den Zeitpunkt mitzuteilen, wann das E-Auto am günstigsten aufgeladen wird. Getrieben werden wir aber von einer viel größeren Vision. Im Fokus unserer Arbeit steht der Gedanke der Kooperation, der für die Umsetzung der Energiewende zentral ist. Wir sind mit unserem Angebot in ganz Europa unterwegs.

In einem europaweiten Energienetz bieten wir folgerichtig eine digitale Plattform auf die Bedürfnisse der europäischen Energiewirtschaft abgestimmt, die Akteuren in ganz Europa zur Verfügung steht – regionalen und überregionalen Erzeugern, Netzbetreibern ebenso wie Start-ups, die unsere Server nutzen, um ihre eigenen Lösungen anzubieten und zu betreiben. Mit unserer Plattform schaffen wir Mehrwert für alle Beteiligten und machen das Geschäft unserer Kunden profitabel. Das ist für uns die Zukunft der Energie: Ein festes Fundament, ein funktionierender Unterbau in Form einer sicheren Infrastruktur für Netze, Daten und deren gemeinsamer Nutzung. Nur so gelingt die Energiewende, davon bin ich überzeugt.


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